Dr. Kribus & Partner

Printanalyse

“And twelve points go to ….. ! ”  – Quo vadis ESC ?

Eine Nachlese von Dr. Felix Kribus

 

Vielfältige Einfalt

Hand aufs Herz: An welchen Sänger können Sie sich erinnern ? Wie viele waren es eigentlich? Was thematisierten die Texte, sofern verständlich? Es wurde getanzt, gejodelt, halbnackt in einem Wasserbassin geplantscht, ein Mann mit Pferdekopf saß bedeutungsschwanger auf einer Leiter, die üblichen Hupfdohlen, und dann war da noch ein junger Mann, Salvador Sobral aus Portugal, unrasiert mit Haardutt, von dem man dachte, dass er seine Auftrittsgarderobe vergessen hatte.

Vollbart trifft schlaksige Erscheinung

Mit schwarzem, struppigem Sakko mit Schulterpolstern, eher zwei Nummern zu groß, sang er unprätentiös „Amar Pelos dois“ was so viel heißt wie „Uns beide lieben“. In einem leisen, jazzangehauchten Lied, das mit Klavier und einigen Streichern auskommt, beschwört ein liebeskranker Weltflüchtling seine Verflossene, doch wieder zu ihm zurückzukehren. Dazu verwinden sich feinfühlig krampfhaft seine Hände und Finger in einem Knäul.  „Meine Liebste. Erhöre meine Gebete.“ Mit religiösem Vokabular hat wohl niemand auf dem ESC gerechnet, oder? Vor allem, wenn man den durchgestylten, durchchoreografierten Rest betrachtet.

Sobral kümmert es einfach nicht, er zieht sein Ding leise unbeeindruckt durch. Er ist einfach er selbst. Authentisch eben. Und genau damit punktete er bei  Jury und dem EU-Publikum: Authentizität, Musik und Inhalt. Und die präsentierte der Portugiese wohl noch am besten.

Brimborium drumherum  

Heute fegen Kameras über das Publikum hinweg. Ein buntes, lichtdurchflutetes Bild jagt das nächste. Manchmal dauert es zwanzig Sekunden, bis man den Interpreten in Großaufnahme zu Gesicht bekommt, sofern eine gigantische Lichtmaschinerie ihn nicht sofort wieder ins Gegenlicht taucht oder ihn zunebelt. Dafür x-mal die – zugegebenermaßen imposante – Bühnenkulisse im Bild. Den Designer wirds freuen. Aber ging es nicht mal um Kunst und Inhalt? Oder bedienen Regisseur und Kamerateam auch nur die Sehgewohnheiten eines gesättigten Publikums 2017 ?

Natürlich sind die Zeiten lange vorbei, in denen drei unbewegte Kameras eine Vicky Leandros minutenlang in Großaufnahme zeigten, und man das Gesamtkunstwerk Interpret und Musik auf sich wirken ließ, wirken lassen konnte.

Und so gewinnt also Salvador Sobral mit über 700 Punkten den ESC 2017 : „Musik ist kein Feuerwerk, Musik ist Gefühl. Musik muss wieder echt werden“ Sobrals fast philosophische Feststellung  bleibt wohl frommer Wunsch, ist aber immerhin Seitenhieb in Richtung Liederproduzenten und eine überbordende, effekthaschende Bühnenshow.

Deutsches Fiasko mit sechs Punkten

Ann Sophie, Jamie Lee, und 2017 Levina: Drei Mal hat „junge, hübsche Frau mit Hab-euch-alle-lieb Blick“ nicht funktioniert. Musik und Darstellerin wie immer zu stromlinienförmig. Das hätten die Verantwortlichen erkennen können. Das krasse Gegenteil dazu 2014: Conchita Wurst, die für Österreich gewann. Man kann über den Interpreten Tom Neuwirth geteilter Meinung sein, aber er und der diesjährige Gewinner Sobral haben eines gemeinsam: sie meinten es ernst und waren sie selbst.

Auftrag für einen Internetnachrichtendienst