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Fachzeitschrift

Auf zum Rummelplatz! Wie man eine Reportage dreht – Tipps und Tricks –

Bild und Text:   Dr. Felix Kribus | Veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Videofilmen“ 06/2013

Hauptattraktion mit Retroatmosphäre_Round up_KL

„Wertwiesen Sommerfest“

Neongelb sticht diese Plakataufschrift dem Autor ins Auge, als er in seiner Heimatstadt zum Kurzurlaub unterwegs ist. Gibt es denn sowas noch? Hier auf dem Land? War das nicht mal in grauer Vorzeit? Also flugs den Termin vorgemerkt! Keine 24 Stunden später steht der Autor zwischen kichernden Mädchen und ihren halbstarken Verehrern, alle so um die 16 Jahre.

Die Kulisse: Autoscooter, ein Round-up, Schieß- Wurf- und Losbude nebst Imbiss mit orangefarbenen Bierbänken. Obligatorisch: zwei Kinderkarusselle. Leider kein Kettenkarussell. Trotzdem:  Eine Dorfidylle am Wochenende, damals wie heute, allerdings jetzt von Klingeltönen von Smartphones flankiert. Und im Vergleich zu den 1980er Jahren halten sich die Besucherzahlen in Grenzen.

Keine Kommunikationsschwierigkeiten

Und so kommt der Autor mit dem einzigen gleichaltrigen Mann auf dem Platz ins Gespräch. Wie sich schnell herausstellt, ist es der Schaustellerchef selbst: Erix Remmele, Mitglied einer Schaustellerfamilie in fünfter Generation und ein Mann der ersten Stunde nach dem Krieg. Besonders überrascht den Autor dessen Energie, mit der er hier am Werk ist – bei offensichtlich mäßig finanziellem Erfolg. Schausteller Remmele hat auch darauf eine Antwort und sofort wird klar, dass dieser Mann einiges zu erzählen hat. Ein Videothema ist geboren! Und so verabreden sich Autor und Schausteller tags drauf zu einem Interview vor Ort.

Das Interview zuerst

Sofern keine Zeit oder Möglichkeit für eine Recherche besteht, ist der Filmer mit den sogenannten W-Fragen gut bedient. Um sie zu stellen, muss man kein Experte für ein Thema sein. Oft genug lassen sich damit die meisten Inhalte in Erfahrung bringen und mitteilen, solange es nicht um ein z.B. komplexes, politisches Thema handelt.

Autoscooter_ Tausend Mal gesehen, aber auch aus dieser Perspektive Fragezeichen KL

Die Fragen lauten: Wer? Was? Wie? Wo ? Wann? Warum?

In aktuellen Fall: Wie ist Schausteller Remele zu diesem Beruf gekommen? Wie lange macht er das schon? Warum bürdet er sich so viel Arbeit auf, wenn er dabei nicht viel verdient? Wie sieht er generell die aktuelle Situation für Schausteller – gerade auf dem Land, wo alles zum Cannstatter Wasen und Oktoberfest pilgert? Tipp: Stellen Sie offene Fragen, auf die man nicht mit Ja/Nein antworten kann. Also nicht: „Machen Sie das gerne?“, sondern: „Warum machen Sie das gerne“? Drei, vier kurze, einfache Fragen sind genug fürs Erste.

Komplizierte Fragen können viele Leute vor laufender Kamera nicht beantworten, weil sie vielleicht aufgeregt sind und der Filmer riskiert Gegenfragen wie „Wie meinen Sie das?“ oder „Das verstehe ich nicht“. Sehr wichtig: Auch wenn man den Fragenkatalog abarbeitet, ist die oberste Regel: Zuhören und Nachfragen, wenn etwas interessant ist, aber dem Gesprächspartner nicht ins Wort fallen. „Das Schaustellerleben ist eigentlich mein Traumberuf. Nachfrage: „Warum? Was ist daran so traumhaft?. Vorsicht mit allzu provozierenden Fragen, nicht jeder Gesprächspartner will alles preisgeben.

Mit dem Beginn des Drehs muss der Filmer auch die Machart des ganzen Beitrages festlegen: Der Autor hat die Reportage so gestaltet, dass sie ohne Sprecher auskommt, der die Bilder kommentiert. Dieser Sprecher heißt Off-Sprecher, da er nur zu hören, aber nicht zu sehen ist. Das Fernsehen nutzt diese Form zu 90 % in allen redaktionellen Beiträgen, auch für Dokus und Reportagen, es ist damit aber auch die abgedroschenste. Denn ein Kommentator zerstört unter Umständen auch das Atmosphärische, das beim Zuschauer entsteht, wenn er relativiert und einordnet.

Um ohne diesen erklärenden Off-sprecher auszukommen, muss man anders fragen bzw. den Interviewten darum bitten, die Frage als Halbsatz vor der Antwort zu wiederholen. Beispiel: „Wie sind Sie Schausteller geworden?“ Antwort: „Ich bin Schausteller geworden, weil meine Eltern das auch waren ….“ . So versteht ein Zuschauer die Antwort trotzdem, auch wenn die Frage später weggeschnitten wird. Nochmals:  Mit dieser Frageart wird dem Interviewpartner nichts in den Mund gelegt, sondern die Antwort erleichtert, da er mit der Frage beginnen und den Gedanken spontan weiterspinnen kann. Diese Frage ist somit ausdrücklich keine Suggestivfrage.

Ende des Auszuges